Alexander Dugin: Die Zukunft des ukrainischen Staates

Die Zukunft des ukrainischen Staates

Von Alexander Dugin

Aus dem Englischen übersetzt von Alexander Markovics

Angesichts der stürmischen Propaganda, die der Westen über das Ukrainethema entfesselt, die vom Aufruf zur Heimkehr US-amerikanischer und europäischer Bürger in der Ukraine bis zum Durchsickern der Meldung reichte, dass die Kiewer Regierung damit begonnen hatte ihre Regierungsinfrastruktur und die wichtigsten Institutionen des Landes an die Westgrenze zu verlegen, ist es schwierig, über etwas anderes zu denken oder zu sprechen.

Ganz zu schweigen von der Invasion, die die russische Regierung niemals geplant hat. Man wundert sich: Warum sollte Russland jetzt in die Ukraine einfallen? Warum hat es das nicht 2014 getan, als die Lage viel aussichtsreicher für Russland gewesen ist? Aus diesem Grund schließen wir solch eine Hypothese im Voraus aus, da der Kreml dieses Problem nicht mit dem Schwert lösen will, auch wenn das Endresultat absolut nicht zugunsten Russland ausfallen wird. Folglich müssen wir aus all dem schließen, dass der Westen Russland dazu bringen will, in der Ukraine einzufallen und alles daran setzt, um es zum Losschlagen zu zwingen.

Was hätten die USA davon? Es würde zu einer definitiven Entzweiung von Russland und Europa kommen, zusätzlich zu einer Konsolidierung der NATO (welche vor unseren Augen auseinander-bricht) und den perfekten Deckmantel bieten, um alle möglichen Sanktionen zu erlassen. Von letzterem erwartet man, dass sie einen Aufstand der russischen Eliten gegen Putin provozieren werden, da die Vermögenswerte der russischen Elite im Ausland sich in Luft auflösen würden (oder zumindest glauben die USA daran). Die Amerikaner betrachten all das als einen ausgezeichneten Plan.

Gesetzt den Fall, dass die Russen nicht in die Ukraine einfallen wollen, kann man sie auf andere und ganz simple Weise dazu zwingen: wenn die ukrainische Armee eine Strafaktion im Donbass beginnt, wird Russland reagieren müssen. Alle gefechtsbereiten und nichtgefechtsbereiten Streitkräfte sind gegenwärtig an der Grenze zur Ukraine stationiert.

Wenn Russland nicht auf eine derartige Attacke auf den Donbass antworten würde, werden das die ukrainischen Streitkräfte als ein Zeichen der Schwäche interpretieren und die Krim angreifen. Alles wird von Neuem beginnen und die zuvor nicht erreichten Ziele werden wieder in den Vordergrund treten. Es ist sogar möglich, dass die Ukrainer gar nicht darauf warten, die Krim zu erobern und gleich ganz andere Offensiven starten werden.

Dies führt uns zur Annahme, dass Washington oder vielmehr die globalistische Elite, welche zur Zeit die Macht in den Vereinigten Staaten innehat (Biden und seine Entourage), gemeinsam mit den britischen Falken (welche sich moralisch nicht von ihren amerikanischen Gegenstücken unterscheiden und gierig darauf sind, wieder Geopolitik zu spielen, nachdem sie den Brexit hinter sich haben) all das geplant hat. Wenn Letzteres wahr ist, dann beginnen die Geschichten über die Invasion der Ukraine Sinn zu machen.

Es ist jedoch immer noch unwahrscheinlich, dass die NATO in diesen Konflikt involviert wird, zur Enttäuschung jener, die sich bereits auf die nukleare Apokalypse vorbereitet haben. Der Westen hat nicht vor, den Dritten Weltkrieg zu entfesseln, er will jedoch Russland in einen intensiven regionalen Konflikt hineinziehen. Dies bedeutet, dass uns nur zwei Möglichkeiten bleiben: Entweder zu kämpfen oder zu fliehen. Der Westen hat alle notwendigen Mittel zur Verfügung, um beide Situationen auszunützen. Im Moment kämpfen wir nicht, aber wissen sehr genau, was all dem was gerade passiert vorausgegangen ist.

Nach dem Staatsstreich 2014, der Wiedervereinigung mit der Krim und der Befreiung des Donbass hat Washington erwartet, dass jederzeit eine Reihe irreversibler Ereignisse losgetreten werden können.

Die Tatsache, dass der Konflikt bis jetzt eingefroren gewesen ist, ist an der von der Trumpregierung geschaffenen Auszeit festzumachen, welche nicht an äußeren geopolitischen Scharmützeln interessiert gewesen ist und die Hoffnung gehabt hat, mehrere innenpolitische Probleme zuerst regeln zu können. Trumps Nordamerikanischer Nationalismus paläokonservativer Prägung ist mit der Multipolarität kompatibel gewesen. Die Tatsache, dass Trump mit den Globalisten aneinander geraten ist (dem Sumpf, der nie komplett verschwunden gewesen ist) hat den US-Präsidenten mit der Außenpolitik der US-Strategen brechen lassen und hat zur Bezeichnung Trumps als russophil geführt.

Natürlich hat Trump keine Sympathie für Russland gehabt, aber die Globalisten hat er wirklich gehasst. Doch diese Anschuldigungen gegen ihn sind bereits ausreichend gewesen, um ihn von der Macht zu entfernen. Die atlantische Geopolitik ist durch Joe Biden im Verbund mit den liberalen „Falken“ und Neokonservativen ins Weiße Haus zurückgekehrt. Es ist nur eine Frage der Zeit gewesen, bis sie sich dazu entscheiden würden, die ukrainische Falle zu reaktivieren, die die ganze Zeit auf Abruf bereit gestanden ist. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt gekommen, um sie auszulösen.

Bisher scheint es, als ob Washington eine russische Invasion provozieren will. Vielleicht will Russland nicht, dass das passiert, aber wir können nicht die Tatsache ignorieren, dass es zu einer Strafaktion gegen den Donbass kommen wird. Nichts davon hängt von Moskau ab, während Kiew nur auf Zeit spielt. Keine von beiden Regierungen will ein Blutbad diesen Ausmaßes und die NATO wird ganz sicher niemanden retten, auch weil ihr einziges Ziel darin besteht, mehr slawisches Blut zu vergießen.

Washington wird jedoch weiterhin damit fortfahren, seine Agenda umzusetzen, also werden die Vereinigten Staaten auch in Zukunft Russlands Warnungen vor einer Expansion der NATO ignorieren und wir werden noch viele Verleumdungen von Elizabeth Truss hinsichtlich Rostow und Woronesch hören.

Diese Haltung offenbart nicht nur die Inkompetenz der Globalisten in Bezug auf die russische Welt (die Ukraine miteingeschlossen), sondern auch ihre totale Indifferenz in Bezug auf diese Angelegenheiten, da sie kein Interesse daran haben, die Namen von Städten und Regionen in einer fremden Sprache zu lernen. Sie sprechen alle von der Invasion, als hätte sie bereits stattgefunden. Vielleicht ist es aber auch das, worum es bei der Hybridkriegsführung geht: So zu tun, als ob alles bereits passiert sei.

Moskau wird es auch weiterhin ablehnen, Krieg zu führen und solch eine Haltung ist unzweifelhaft die ehrenhafteste. Jedoch gibt es Ereignisse, die sich außerhalb unserer Kontrolle befinden und daher müssen wir uns folgendes Szenario vorstellen: eine rote Linie wird überschritten und eine Invasion der Ukraine findet statt.

Westliche Zeitungen haben bereits mit Pauken und Trompeten verlautbart, dass ein derartiger militärische Aufmarsch passieren wird. Manchmal beschreiben sie ihn sehr realistisch, dann wieder ausgesprochen wahnhaft.

Dennoch sind sich alle Planspiele darin einig, dass der östliche Teil der Ukraine gemeinsam mit Kiew von den Russen eingenommen werden und nur der westliche Teil auf unbestimmte Zeit hin Widerstand leisten wird. Ohne Zweifel würde dies die Errichtung von NATO-Militärbasen in den westlichen Überbleibseln der Ukraine bedeuten, deren Hauptstadt Lemberg sein würde. Von dort aus würden Terroranschläge gegen das von den Russen beherrschte Gebiet ausgeübt werden. Interessant ist daran, dass dieses Szenario den Kriegen, die die Prinzen von Wladimir und Galizien-Wolhynien gegeneinander um den Thron von Kiew geführt haben, sehr ähnlich ist. Zu diesem Zeitpunkt hatte Kiew bereits seine einstige Bedeutung verloren gehabt und ist zu einer Provinzstadt dritten Ranges degradiert worden.

Von diesem Moment an sind diese beiden Teile der Russischen Welt getrennte Wege gegangen: Das Fürstentum Wladimir und später Moskowien sind zu einem mächtigen Reich geworden, während die Westrussen zu einer ethnischen Untergruppe geworden sind, die vom Rest des katholischen Osteuropas verachtet worden ist.

Dies ist der Preis gewesen, den der arrogante Fürst Daniel von Galizien dafür hat zahlen müssen, dass er seine Krone aus den Händen des Papstes erhalten hat. Der Westen verspricht den Ostchristen immer ihnen zu helfen, nur um sie dann in der Stunde größter Not im Stich zu lassen. Das gleiche ist während des Falles von Konstantinopel passiert oder als Saakaschwili seine Invasion Südossetiens begann.

Aber genau hier liegt der interessante Punkt: Viele glauben, dass die Unterstützer der Russischen Welt und der eurasischen Geopolitik nach einer unverhältnismäßigen Ausdehnung unserer Grenzen schreien.

Jedoch beginnt in der Politik alles mit einer Idee, in diesem Fall mit der Wiederherstellung der Grenzen Russland-Eurasiens und der Russischen Welt.

Jedenfalls ist es besser, bestimmte Bedenken hinsichtlich der Zukunft der Westukraine walten zu lassen: es ist unmöglich diese Region ethno-soziologisch, geschichtlich und psychologisch in Eurasien zu integrieren, mit der Ausnahme des transkarpatischen Rutheniens und der ganzen Gemeinschaft orthodoxer Völker in Wolhynien.

Als Stalin die westukrainischen Territorien in das Reich re-integrierte, gelang es ihm nur die Russophobie und die Ablehnung der Vereinigung dort zu verstärken. Diese Tatsache scheint zum Zusammenbruch des jetzigen ukrainischen Staates zu führen.

Natürlich will der Westen diese Gebiete zu seinem Hinterhof machen, eine Option, die wir vorsichtig abwägen müssen (aber nicht bevor wir die Ruthenen und alle anderen, die auf unserer Seite sein wollen befreit haben).

Wenn wir all dies berücksichtigen, auch für den hypothetischen Fall einer Befreiung der ganzen Ukraine (etwas zu das uns die Atlantiker zwingen), müssen wir uns immer vor Augen halten, dass der westliche Teil niemals Teil unserer politischen Projekte sein will und versuchen wird, jede neutrale Regierung von innen zu unterminieren, egal ob es sich dabei um ein von uns etabliertes Gleichgewicht innerhalb der Ukraine oder eine geopolitische Entität, die sie ersetzten wird, handeln wird.

Andererseits sind die politischen Institutionen der Ukraine, wie sie gegenwärtig existieren so dreckig, dass es unklug wäre, sie so zu belassen, wie sie im Moment sind. Zusätzlich können wir kein Terrorregime auf ein Brudervolk loslassen, was dazu führen würde, dass wir gegen die Schrecken Galizien-Wolhyniens bis in alle Ewigkeit kämpfen müssten. Nicht einmal Stalin ist dazu in der Lage gewesen, diese Territorien zu integrieren und er hat bereits ziemlich harte Maßnahmen angewandt.

Man könnte sich die Frage stellen: Wäre es nicht einfach besser, die Dinge so zu belassen, wie sie sind? Worin liegt der Nutzen einen neuen ukrainischen Staat zu erschaffen, wenn wir keine Wiedergeburt der slawischen Völker zu Stande bringen können? Zájidna Ukrayína kann weiterhin „Ukraine“ genannt werden (auch wenn wir natürlich einen solchen Namen ablehnen werden) oder zu „Fahnen-stan“ werden, es spielt keine Rolle. Jedoch sollte unser Ziel darin bestehen, ein neues Territorium aus den rettbaren Teilen dieses Landes zu bilden.

Eine weitere Klarstellung: Sowohl die Krim, als auch der Donbass sind nicht länger ein Teil der Ukraine, aber es ist kurzsichtig und unwürdig, diese Regionen zu fragmentieren, anstatt ihnen zu erlauben, eine historisch relevante Rolle zu spielen. Wir müssen alle retten, die gerettet werden wollen, indem wir ihnen die Mittel dazu geben, sich selbst zu behaupten. Die Westukrainer kümmern sich nicht darum und verweigern jegliche Wiedervereinigung.

Ein Überschreiten der Grenzen des „Großraumes“, der uns bestimmt, kann zu unserem Zusammenbruch führen. Wir sollten nur das einnehmen, was wir realistisch gesehen assimilieren und verteidigen können. Stalin hat das hinsichtlich Europas sehr gut verstanden, als er bei vielen Gelegenheiten nach einer „Finnlandisierung“ oder „Neutralisierung“ bestimmter Länder gestrebt hat. Wir waren nicht dazu fähig, Osteuropa zu assimilieren und damit fortzufahren, es mit eiserner Faust zu beherrschen, wäre Selbstmord.

All diese Punkte sind nichts weiter als geopolitische Spekulation und die Wahrheit ist, dass ich über keinerlei geheime Informationen oder wichtige Kontakte verfüge. Dies ist nur eine Analyse und in dieser stellen wir die Hypothese auf, dass wenn es zu einer Invasion kommt – und nur in diesem Rahmen! – wir über die Frage der westlichen Territorien der Ukraine mit aller gebotenen Vorsicht und großer Zurückhaltung sprechen können. Bei der Gründung eines Reiches, aber auch der Wiederbelebung eines untergegangenen Reichs handelt es sich um eine hohe Kunst, da es sich dabei weder um einen linearen noch um einen monotonen Prozess handelt.

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